Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans hinterher.

Unser Gehirn, das neuroplastische hypersoziale und irritationskompetente Beziehungsorgan

Was bedeutet das? Dazu zerlegen wir die Bestandteile dieser Bezeichnung in ihre einzelnen Teile.
Neuroplastisch:
Jahrhunderte lang dachte man, das Gehirn sei eine Art Behälter, in den man etwas hinein tut, durch Erziehung, Erfahrung, Lesen, Gedankenkombinationen usw., und aus dem man dann auch wieder etwas herausholen kann, durch Erinnerung, Wissen, Fähigkeiten. Außerdem dachte man, dass der Vorgang des Inputs nur in unserer Jugendphase sinnvoll funktioniere. So kam Lernen in hohem Alter eher weniger in Betracht. Hinzu kam auch, dass die meisten Menschen sich ein erneutes Lernen im Alter schon aus Gründen der Lebensarbeitszeit nicht leisten konnten. Entsprechend stolz waren alle jene Menschen, die in ihrer Jugend viel gelernt, gesehen, erfahren hatten, sich infolgedessen besonders hoch qualifiziert hatten für gesellschaftlich entsprechend gut prämierte Positionen, denn all das Gelernte, Gesehene, Gehörte und Erfahrene war ja ein Schatz, der im Leben eines jeden Menschen seine Zinsen brachte. Man spricht nicht umsonst bis heute vom Erfahrungsschatz, vom Wissensbestand, usw. Der Volksmund fasste es in den Spruch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Im 19 . und 20. Jahrhundert wurde dieses mechanistische Menschenbild  schließlich auf die Vorstellung vom Gehirn als Apparat, als Computer übertragen; natürlich mit der entsprechenden Festplatte, also einem Wissensspeicher usw. Das Kurzzeitgehirn war quasi der Arbeitsspeicher, das Langzeitgehirn die Festplatte. Und die tatsächlichen technischen Geräte (Rechenmaschinen, Computer) galten als ausgelagerte Gehirnfunktionen, als Gehirnergänzungen.

Die Gehirnforschung  der zweiten Hälfte des 20. Jahrunderts hat die Vorstellungen, die wir uns von unseren Hirnen machen, völlig verändert. Einer der wichtigsten Punkte ist die Neuroplastizität. Es ist nicht etwa so, dass das Gehirn wächst und einmal fertig ausgeprägt ab dem Erwachsenenalter an Gehirnzellen verliert und ansonsten wie eine Festplatte einfach Informationen aufnimmt und abgibt. Zwar ist der Verlust von Gehirnzellen nach wie vor bestätigt, aber die Zellen verhalten sich anders, als man dachte. Sie bilden nämlich Verbindungen, neuronale Fortsätze der Gehirnzellen. Und diese Verbindungen bestimmen letztlich die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Das Wichtigste dabei ist: Das Entstehen von Neuronen funktioniert bis ins hohe Alter. Und die Verbindungen können sich, wenn sie nicht benötigt werden, auch wieder zurückbilden. Neuroplastizität bedeutet also, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter formbar ist. Wir gestalten es durch seinen Gebrauch. Und das bedeutet, dass die Prozesse, die einst nur als jugendliche Fähigkeit des Gehirns galten, auch noch später funktionieren, wenn auch langsamer als in der Jugend. Aber das beutet auch, dass der o.g. Spruch anders lauten muss:, nämlich: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans hinterher. Was wir wann lernen, ist letztlich eine Entscheidung im Rahmen unserer Lebensplanung. Natürlich ist es Klug, bestimmte Dinge in Jugendjahren zu lernen, wenn es leicht fällt, z.B. Rechnen, Lesen, Schreiben, Sprachen, Musik machen, usw. Aber es ist nicht unmöglich, all das auch noch später zu beginnen. Auch bedeutet das Lernen nicht immer, dass wir uns damit nur bestimmte Bewusstseinsinhalte, Wissensgegenstände aneignen, es bedeutet ebenso, dass wir bis ins hohe Alter bestimmte Bewegungen erlernen können. Das Gehirn verknüpft auch jene Gehirnzellen, die für unsere Bewegungen maßgeblich sind, wie z.B. das Tanzen, die Bewegungen beim Sport, oder die Finger beim Klavierspielen. Mit dem ins Körperliche wirkenden "Wissen" ist es also ebenso, wie mit den kognitiven Fähigkeiten.
Ganz kurz zusammengefasst: Wenn wir denken, wir können bestimmte Dinge nicht mehr lernen, weil wir meinen zu alt dafür zu sein, dann sind wir in fast allen Fällen nicht die Gefangenen unserer alterspezifischen Gehirnfähigkeiten, sondern Gefangene unserer Vorstellung des Gehirns, oder auch Gefangene einer Lernökonomie, in der alles sehr leicht und schnell gehen muss, als wäre man noch 10 oder 15 Jahre jung.

Hypersozial:
Das bedeutet, dass das Gehirn sich ohne sozialen Einfluss überhaupt nicht richtig ausbilden kann. Es ist daher nicht nur sozial, so als hätte es eine Wahl, sondern es ist deswegen hypersozial, weil es keine andere Wahl hat, als sich nach sozialen Maßstäben zu orientieren. Das bedeutet: Unser Gehirn ist nicht nur ein Erkenntnisorgan, sondern ein soziales Lebensgestaltungs- bzw. Überlebensorgan. Grundlegende moralische und kognitive Kategorien werden in engem Zusammenspiel mit sozialen Eindrücken und Erfahrungen entwickelt. Reziprozität oder Differenz, Gleich- oder Ungleichbehandlung, Ehrlichkeit oder Täuschungsverhalten, die Perspektive des Gegenübers, all das sind Lerngegenstände, mit denen das Gehirn als abgeschottetes Organ gar nicht zurecht käme, bzw. nichts davon lernen oder wissen würde. Da diese Erfahrungen aber zur Grundausstattung des Menschseins gehören, gehören sie zugleich zu den Grundbedingungen unserer Gehirnarbeit. (Übrigens gilt dies auch für viele Primaten und andere Tiere.) Das Gehirn ist also ein Vermittlungsorgan für unsere Beziehungen zur Welt  und  zu anderen  Menschen.  Die damit verbundenen Prozesse formen das Gehirn ständig.

Beziehungsorgan:
Diese Bedeutung ergibt sich aus dem hypersozialen Charakter des Gehirns. Seine soziomorphe Entwicklung macht es zum Beziehungsorgan, zu einem  biographisch,  sozial  und  kulturell  geprägten Organ. Es ist nicht das Gehirn für sich, sondern des lebendigen Menschen, der in Beziehungen fühlt, denkt und handelt. Die Welt, das sind für unser Gehirn nicht die Dinge an sich, sondern das sind unsere Beziehungen zu den Menschen und Dingen und die Beziehung der Menschen und Dinge untereinander.

Irritationskompetenz:
Insgesamt kann man sagen: Unser Gehirn bleibt auf diese neuroplastische hypersoziale beziehungsorientierte Weise immer ein (lernendes) Kind. Natürlich machen wir Erfahrungen und werden erwachsen, und wir entwickeln ein funktionierendes Selbst- und Weltbild und eine bestimmte Vorstellungen unserer Beziehungen und unserer sozialen Rollen. Wir sind also irgendwann ein wenig abgeklärt und verfügen über einen ausgeprägten Realitätssinn. Aber die Fähigkeit, ja geradezu die Bereitschaft, auch in späteren Jahren Neues zu lernen, und sich auch mit Irritationen auseinanderzusetzen, zeigt, dass unser Gehirn auch immer zu einer neugierigen, kindlichen Perspektive in der Lage ist und insofern immer auch die Kompetenz mitbringt, mit Abweichungen und Irritationen lernend umzugehen.
Übrigens gibt es in der Philosophie, in der Kunst, in der Wissenschaft, ja sogar in der Religion das Phänomen des Staunens, ein Staunen, welches den Staunenden so aus dem Gewohnten herausreißt, dass er quasi alles infrage stellen und dann - wie ein Kind - seine Weltwahrnehmung völlig neu aufbauen muss. Große religiöse, wissenschaftliche, soziale und künstlerische Revolutionen haben ihren Ursprung in solchem Staunen. Diese Irritationskompetenz unseres Gehirns ist also nicht nur eine individuelle, sondern zugleich eine kultur- und geschichtsgenerierende Produktivkraft, eine anthropologische Konstante, die unsere Fähigkeit, nicht zu stagnieren, ausmacht. Ohne diese Fähigkeit, die Welt trotz aller Erfahrungen auch immer wieder als neu zu betrachten, würden wir als Erwachsene die Möglichkeit verlieren, uns auf neue Rahmenbedingungen einzustellen. Die menschliche Kulturentwicklung, wie wir sie kennen, gäbe es gar nicht. Viele Menschen stagnieren ab einem bestimmten Alter, obwohl es nicht sein müsste. Aber dies hängt wiederum mit der falschen Vorstellung zusammen, dass das Lernen und somit, das sich-Verändern-durch-Lernen nur eine Sache der Jugend sei. Die einmal eingefahrenen Bahnen, unsere mentalen Infrastrukturen, werden nur dann unverrückbar, wenn wir dieses überkommene Selbstbild weiter pflegen. Dann bleiben wir in den einst erlernten mentalen Infrastrukturen gefangen. Aber das muss nicht sein.